Alles eine Frage der Perspektive?
Perspektive. Ein wunderschönes Wort. Eines mit mehreren, spannenden Bedeutungen. Perspektive kann als Zukunftsaussicht oder Entwicklungsmöglichkeit verstanden werden sowie Sichtweise oder Blickwinkel meinen. Wobei auch Blickwinkel wieder mehrdeutig ist: Mein Blick kann im wörtlichen oder übertragenen Sinn in einem bestimmten Winkel fallen.
Verstehe ich die Perspektiven in der ersten Variante, so bin ich vor allem dankbar dafür, welche zu haben. Meine Zukunft sieht — allen corona- und klimabedingten Widrigkeiten zum Trotz — vergleichsweise rosig aus. Und ich kann das, was kommt, sogar mitgestalten. Eine Möglichkeit, die nur wenige Menschen haben.
Mit der anderen Bedeutung der Perspektiven ist das etwas komplexer, darum hole ich aus. Meine erste Begegnung mit ihnen war tierischer Art: In der Primarschule lernte ich im Zeichnen die Vogel- und die Froschperspektive kennen. Betrachtet man einen Gegenstand von oben, eben wie ein Vogel, dann sieht und zeichnet man ihn ganz anders als wenn man ihn von unten, aus der Froschperspektive, anschaut.
Was mich damals unglaublich fasziniert hat, lässt sich auf viele Lebensbereiche übertragen. Die meisten Sachverhalte, Handlungen und Situationen können aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet werden und erhalten so verschiedene Bedeutungen. «Alles eine Frage der Perspektive» kann man fast immer behaupten und es ist fast immer richtig.
Das Leben aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, ist bereichernd und trägt zum friedlichen Zusammenleben bei. Es kann aber auch gefährlich sein. Denn wenn alles relativ ist, ist auch alles gerechtfertigt. Es ist dann kein «No Go» mehr, halbnackt ein Parlamentsgebäude zu stürmen, sondern aus der Perspektive des Halbnackten und seinen Gesinnungsgenossen in Ordnung. Dann kann man getrost gegen die «Ehe für alle» kämpfen und dies mit der eigenen Weltsicht begründen.
Es stellt sich die Frage:
Wann braucht es eine klare Haltung, wann Verständnis für Unterschiede? Wann braucht es Rückgrat, wann Perspektiven?
Eine einfache Antwort habe ich nicht.
Was ich aber weiss: Bei gewissen Dingen muss man sich eine Meinung bilden und diese auch vertreten. Denn sonst verkommen die Perspektiven zu Wischiwaschi. Was auch ein wunderschönes Wort ist, mit seiner Bedeutung aber weitaus weniger beeindruckt.
Diese Kolumne erschien zuerst in der Handelszeitung Nr. 4, 21. Januar 2021
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