Wenig Lärm um Nichts

24. März 786 v. Chr., es ist angenehm warm im alten Griechenland. Ein Mann liegt unter einem Olivenbaum, ein anderer schlendert vorbei. «Na, alter Grieche», sagt der, der vorbeischlendert, «was tust du?» «Nichts», antwortet der unterm Baum zufrieden. Der erste nickt anerkennend, geht ein paar Schritte weiter und setzt sich seinerseits unter einen Olivenbaum.

Und dann tun sie es beide. Nichts.

Was die beiden alten Griechen tun und was zu ihrer Zeit populär war, nennt man Müssiggang oder Musse. Vielleicht auch einfach Nichtstun. Zeit, in der nichts erledigt wird, Zeit, die nicht verplant ist. Die beiden Männer denken nach, philosophieren vor sich hin, laden ihre Batterien auf. Eine Tätigkeit, die über die Jahrhunderte einiges an Popularität verloren hat und die wir heute — so scheint es mir — komplett verlernt haben.

Oder wann haben Sie zum letzten Mal einen Dialog wie den obigen geführt? Wann sind Sie zum letzten Mal unter einem Baum gesessen und haben Löcher in die Luft gestarrt? Sind zumindest an der Bushaltestelle gestanden, ohne das Smartphone zu zücken, um auf die Uhr zu schauen und dann abschweifend zu prüfen, was NZZ, Blick, Facebook und Twitter zur Lage der Welt meinen?

Wir tun ungern nichts, denn in unseren Breitengraden ist das gleichbedeutend mit «ich habe nichts zu tun». Und das anzunehmen, ja gar zuzugeben, wäre für viele von uns äusserst unangenehm. Wir sind lieber maximal leistungsfähig und repräsentativ gestresst.

Paradox, denn eigentlich haben wir den Wert der Entschleunigung und der Ruhe längst erkannt. Davon zeugen unzählige Angebote, die uns anhalten, den Moment zu geniessen, den Atem zu vertiefen, das Tempo zu drosseln. Achtsamkeitstrainings, Yoga Retreats, Meditationskurse und sogar Ferien im Kloster werden im Internet feilgeboten und offenbar rege gekauft.

Auch mich reizt es, in so einem Kurs endlich die Balance zu finden, die mir im hektischen Alltag so oft fehlt. Das Problem dabei: All dies ist ein weiterer Termin in der übervollen Agenda und kostet erst noch viel Geld.

Lernen wir also von den alten Griechen und setzen uns ganz einfach unter einen Baum. Und wenn das zum Trend wird, dann lösen wir nebenbei auch noch ein weiteres Problem — die vielen Bäume, die wir pflanzen müssten, sind nämlich gut fürs Klima und sorgen in heissen Sommern für kühle Luft in den Städten.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Handelszeitung vom 16. Juli 2020


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