Von goldenen Armleuchtern
Kürzlich war ich in der Bäckerei, um ein Brötchen für meinen Sohn zu kaufen. Neben mir warteten noch andere Personen auf Bedienung und als ich endlich dran war, drängte sich ein junger Mann vor. «Entschuldigung, aber ich war zuerst dran», sagte ich freundlich. Vermutlich hatte der Mann nicht bemerkt, dass er nicht an der Reihe war. Au contraire: «Mir doch egal!», blaffte er und sah erst mich, dann die Verkäuferin herausfordernd an. Ich war sprachlos. Nicht so eine ältere Dame hinter mir, die den Drängler lautstark in die Schranken wies: «Verp*** dich, du Armleuchter!» Es brach ein veritabler Tumult aus, die Wartenden warfen sich Schimpfwörter an den Kopf, ein Mann kommentierte die Brüste der Bedienung und etliche Male hörte ich das A-Wort. Ich machte mich aus dem Staub — ohne Brötchen und erschlagen von diesem Gewitter.
Sie können das kaum glauben? Zurecht, denn diese Geschichte ist frei erfunden. Und doch passieren solche Situationen täglich: Im virtuellen Raum. Auf Social Media sowieso und auch in den Kommentarspalten der Online-Medien. Beleidigungen, fiese Seitenhiebe und gar Hass sind dort gang und gäbe.
Mein Business-Profil auf Facebook wurde kürzlich mit Kommentaren wie «Ich komme vorbei und erstick‘ dich, du Schlampe» eingedeckt. Viele Menschen müssen sich mit rassistischen Bemerkungen auseinandersetzen. Andere werden bedroht oder gemobbt. Das finden die meisten krass, und das ist es auch.
Doch es geht auch subtiler und manchmal sind die Grenzen zwischen Beleidigung und einer «Meinung» nicht so klar. Ist es beleidigend, Alain Berset als «unfähig» zu bezeichnen, wenn er nicht die Massnahmen durchsetzt, die man selber als richtig erachtet? Ist es ok, sich über die fehlerhafte Rechtschreibung eines Beitrags lustig zu machen? Ist es verletzend oder bewundernd gemeint, wenn man einer berufstätigen Mutter sagt, man könnte nie so viel arbeiten wie sie, weil man sonst die Kinder vermissen würde?
Ich bin im echten Leben kein Fan davon, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Im Netz aber wäre es durchaus sinnvoll. Denn dort fehlt uns, was es uns offline möglich macht, Meinungsverschiedenheiten auszutragen: Körpersprache und direkte Interaktion. Überlegen wir also gut, wie wir online unsere Meinung äussern. Und ob es überhaupt nötig ist. Denn: Auch das goldene Schweigen hat Gewicht.
Diese Kolumne erschien zuerst in der Handelszeitung, Nr. 50, vom 10. Dezember 2020.
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