Weg vom Konkurrenzdenken

«Survival of the fittest» — wer sich gegen die Konkurrenz durchsetzt, sichert sein Überleben. Ein ganz natürliches Phänomen in der Tier- und Pflanzenwelt. So wurde uns das im Biologie-Unterricht beigebracht und so haben wir das auf die Arbeitswelt übertragen.

Die Konkurrenz stellt eine wichtige Grösse für Unternehmen dar. Sie wird analysiert, beobachtet und wenn möglich abgehängt. Auch die Angestellten stehen in dauernder Konkurrenz zueinander. Wer kriegt die Stelle? Wer die Beförderung? Das Einzelbüro?

Bereits in der Schule wurden wir auf diese wettbewerbs-geprägte Welt vorbereitet. Mit Noten und schmeichelhaften Titeln wie «Klassenbeste». Ich kann mich gut erinnern, wie ich damals mit Philipp um diesen Titel rangelte. Das Kalkül dahinter: Wenn sich viele für die Leckerbissen interessieren, aber nur einer sie kriegen kann, dann strengt sich jeder Einzelne besonders an.

Die gleiche Logik gilt auch für die Unternehmen: Wenn jede Firma versucht, die anderen zu übertrumpfen, dann investiert sie in die Qualität und das kommt letztendlich der Kundschaft zugute.

Klingt in der Theorie wunderbar, in der Praxis allerdings zeigte sich, dass der Wettbewerb nicht immer fair abläuft. Es werden Informationen vorenthalten, Ängste geschürt und Missgunst gestreut.

Ist also Konkurrenz gar nicht die beste Strategie?, fragen sich Arbeitspsychologen und Ökonomen heute. Führt auch Kooperation zu guten Ergebnissen? Ja, sagt die Neurowissenschaft, wir Menschen sind kooperative Wesen. Ja, sagt die neue Managementliteratur, die Welt wird komplexer und gute Lösungen können nur dann entstehen, wenn wir unser Wissen bündeln und miteinander kooperieren — sogar mit der Konkurrenz. «Coopetition» nennt sich das: eine Verbindung der englischen Begriffe «cooperation» und «competition». Die Werte der Arbeitswelt verändern sich.

Auch ich arbeite zurzeit mit der Konkurrenz zusammen. Das lohnt sich für uns, weil wir voneinander lernen und uns unterstützen. Aber auch für unsere Auftraggeberinnen und Auftraggeber, die noch mehr Kompetenz und Knowhow erhalten.

Ein unnatürliches Verhalten? Nein. Gerne stelle ich ihnen die Kugelalge Volvox vor: ein Verbund von Einzellern, die sich zusammentun und zum Vielzeller mit Arbeitsteilung und Kommunikation werden. Auch das war Stoff im Bio-Unterricht und lässt sich offenbar genauso gut auf Arbeitswelt übertragen wie Darwins Theorie.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Handelszeitung, Ausgabe Nr. 8, 20. Februar 2020


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