Die Sexyness von Digitalen Nomaden
Wie sieht die Arbeitswelt der Zukunft aus?
Antworten auf diese Frage versprach die Konferenz der Digitalen Nomaden Schweiz, die ich kürzlich besuchte.
Digitale Nomaden sind Menschen, die ortsunabhängig arbeiten; viele von ihnen kombinieren Arbeit und Reisen. Die Mehrheit der digitalen Nomaden ist selbstständig erwerbend, sie arbeiten als Texterinnen, Grafiker, Programmiererinnen oder Coaches.
Ich war begeistert: Ein Lebensstil, der maximale Freiheit und Selbstbestimmung verspricht. Lauter Dinge, die meine Generation bekanntlich schätzt.
Doch bei aller Begeisterung kamen mir schnell Zweifel an der Umsetzbarkeit des Konzepts, zumindest in meinem Fall. Zwar bringe ich als selbstständige Texterin und Reisebegeisterte gute Grundvoraussetzungen mit, meine beiden Kinder aber haben sich schon öfters als Handicap in Sachen Freiheit und Selbstbestimmung erwiesen.
Wie sieht es erst für jene aus, die neben einer Familie noch eine Anstellung haben? Auch dieser Frage ging die Konferenz nach. In den Unternehmen, so die Referentin, tut sich was: Remote-Work und Home-Office nehmen zu, alte Strukturen werden aufgebrochen, neue Technologien ausprobiert. Das klingt doch vielversprechend, stellte der Freiheitsjunkie in mir zufrieden fest.
Auch im TV wurde über den Umbruch in der Arbeitswelt berichtet: Aus Chefs werden Leader, die ihre Teams täglich zu Höchstleistungen motivieren, aus hierarchischen Organigrammen werden flexible Kreise, die sich zu einem System namens Holocracy zusammenfügen. Nicht junge, kinderlose Nomaden äusserten sich hier, sondern gestandene Geschäftsmänner, Philosophen und Wissenschaftlerinnen.
Sie betonten die Vorteile dieser notwendigen Veränderung, wiesen aber gleichzeitig auf die Gefahr hin, dass sich die Gesellschaft spalten wird. Auf der Gewinnerseite stehen jene, denen es gelingt, sich in dieser kreativen, schnellen, digitalisierten Welt zurechtzufinden, auf der Verliererseite alle anderen. Für sie wird es schwierig werden, Arbeit zu finden, denn sie sind ersetzbar.
Palmenstrand oder Arbeitslosigkeit? Rosig oder düster? Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus? Es gab keine einfache Antwort auf meine Frage. Klar ist: «Digitale Nomadin» klingt auf LinkedIn auf jeden Fall sexier als «arbeitslose Texterin» oder so. Auch wenn der Palmenstrand als Arbeitsort immer noch in unerreichbarer Ferne liegt — ich glaube, ich lege mir ein neues Branding zu.
Diese Kolumne erschien zuerst in der Handelszeitung (Nr. 48, 28. November 2019)
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