Die Entmystifizierung des Scheiterns
Wann sind Sie zum letzten Mal gescheitert, liebe Leserinnen und Leser? Wann haben Sie einen Job nicht gekriegt, ein Projekt in den Sand gesetzt, den Karren sprichwörtlich an die Wand gefahren?
Und würden Sie es mir verraten?
Ich vermute nicht. Denn scheitern, das liebe Scheitern, es ist nicht positiv besetzt. Wir geben nicht gerne zu, dass wir alles andere als unfehlbar sind. Lieber erzählen wir von unseren Erfolgen und davon, was wir alles erreicht haben. Es ist verständlich, denn es ist nicht schön, wenn einem etwas misslingt. Man blamiert sich, man wird besiegt, man ist schwach und man stellt sich selber infrage.
Scheitern ist vor allem so schlimm, weil es der Gegenpol zum Erfolg ist. Und Erfolg ist überall. Auf LinkedIn, wenn von tollen Projekten und verantwortungsvollen Positionen berichtet wird. Auf Instagram, wenn von exotischen Reisen, romantischen Liebschaften und harmonischen Familien geschwärmt wird.
Denn wir sind heute nicht nur im Beruf erfolgreich, sondern auch im Privatleben. Wir arbeiten an unserer Ehe, fördern unsere Kinder, optimieren unsere Körper. Erfolgreich, natürlich.
Und paradoxerweise ist der Erfolg mittlerweile auch im Misserfolg angelangt. Denn, klar, auch in der Leistungsgesellschaft fliegen wir immer wieder mal aufs Maul. Doch wir nennen es nicht «scheitern», sondern lieber «Herausforderungen meistern». Wir leiden nicht offen, wenn uns etwas nicht gelingt, sondern versuchen krampfhaft, etwas aus unseren Fehlern zu lernen. Unsere Ehe ist nicht gescheitert, wir haben uns nur auseinandergelebt. Und die Kündigung, die ist gerade eine gute Chance für eine Neuorientierung.
Warum geben wir nicht zu, dass wir immer wieder scheitern, im Grossen und im Kleinen, und dass uns das aus der Bahn wirft? Würde es das Scheitern nicht einfacher machen, wenn es zum Leben dazu gehören würde? Wären Fehler nicht erträglicher, wenn wir wüssten, dass andere sie genauso machen und dass es ihnen ebenso peinlich ist?
Lassen Sie uns das Scheitern entmystifizieren, liebe Leserinnen und Leser. Ich fange an: Letzte Woche wurden gleich zwei Artikel von mir von den Redaktionen abgelehnt. Das hat mich verunsichert und in einer überemotionalen Überreaktion hätte ich am liebsten alles hingeschmissen. So, es ist raus. Und es kostet mich gerade enorm Kraft, nicht ausgleichend von mindestens drei Erfolgserlebnissen zu berichten.
Jetzt sind Sie dran.
Diese Kolumne erschien zuerst in der Handelszeitung (Nr. 44, 31.10.19)
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